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Tintenhain

Im Tintenhain gibt es Buchgeplauder und Rezensionen, meist im Bereich Fantasy, Jugendfantasy und Belletristik.

 

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Lauren Oliver: Pandemonium (2)

Cover (c) Carlsen Verlag

 

Ich weiß noch, wie ich vor knapp zwei Jahren völlig aufgelöst und heulend wie ein Schlosshund “Delirium” (Rezension) zuklappte und nur noch einen Satz denken konnte: “Wie kann sie [die Autorin] es nur wagen?!” Für den zweiten Band der dystopischen Trilogie habe ich mir dann Zeit gelassen, bis auch Band 3 “Requiem” erschienen ist. Noch einmal wollte ich mir das nicht antun, dermaßen brutal in der Schwebe gelassen zu werden.

 

Nachdem Lena die Flucht gelungen ist, bei der Alex auf so dramatische Weise auf der Strecke geblieben ist, muss sie sich erst an das Leben unter den “Invaliden” gewöhnen. Unglaublich hart gestaltet sich der Alltag in der Wildnis, wo jeden Tag erneut der Kampf ums Überleben beginnt. In Rückblenden beschreibt Lena die ersten Tage und Wochen in ihrer neuen Umgebung, die Auseinandersetzungen mit der Anführerin Raven und ihrer tiefen Trauer um Alex. In einem zweiten, parallel erzählten Handlungsstrang, der zeitlich Monate nach dem “Damals” einsetzt, wird der gegenwärtige Untergrund-Kampf gegen die Staatsmacht beschrieben. Lena gerät ohne ihr Wissen zwischen die Fronten und lernt dabei Julian, den Sohn des Vorsitzenden der Vereinigung für ein Deliria-freies Amerika, kennen. Julian ist bereit, sich “heilen” zu lassen, obwohl er weiß, dass der Eingriff ziemlich sicher seinen Tod bedeutet. Wenn Lena noch irgendeinen Zweifel hatte, ob ihre Entscheidung zur Flucht richtig war, so ist sie nun überzeugt, trotz aller Entbehrungen das Richtige zu tun. Die beiden Handlungsstränge führen am Ende nicht zusammen, die Rückblenden brechen im Grunde ab.

 

Mit viel Gefühl und glaubhaften Szenen beschreibt Lauren Oliver Lenas innere Konflikte nach der Ankunft bei den “Invaliden”. Lena erfährt im Laufe der Handlung eine grundlegene, nachvollziehbare Wandlung ihrer Person, die sie zu einer Kämpferin macht, die genau weiß, wofür sie einsteht. Besonders deutlich wird dies im Wechsel zwischen “Damals” und “jetzt”. Die Annäherung an Julian geschieht langsam und behutsam, so dass man ihr trotz aller Sympathien für den getöteten Alex eine neue Liebe gönnen mag.

 

“Pandemonium” überrascht mit der erneuten Verlagerung der treibenden Handlung in die Stadt New York, wo gerade ein erbitterter Kampf zwischen verschiedenen Gruppierungen auflebt. So erfährt man mehr über politische Hintergründe und das Leben derjenigen, die nicht ins System passen. Der  geschickte Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen lässt keine Langeweile aufkommen, da sich ruhige und gefühlvolle Passagen mit Spannung und Action abwechseln.

 

Eine große Stärke der “Amor”-Trilogie liegt in den vielschichtigen Charaktern, die jeder für sich authentisch und lebendig wirken. Sprachlich geschickt und atmosphärisch dicht gelingt es der Autorin, einen spannenden zweiten Teil vorzulegen, der mehr ist als nur der typische “Zwischenteil” einer Trilogie. Und wieder einmal endet auch “Pandemonium” mit einem überraschenden und unfassbaren Cliffhanger, der mich nicht nur erneut ungläubig “Nein!” ausrufen ließ, sondern mir auch wieder die Tränen in die Augen trieb.

 

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